Karl R. Poppers Wissenschaftbegriff und -verständnis
Wissenschaft ist ein Konstrukt der Menschen und hat ihre Wurzeln in der Lebenswelt. Sie ist existent in der Welt 3, die Popper folgendermaßen beschreibt:
„Zusammenfassend können wir sagen, daß die Welt 3, und vor allem jener Teil der Welt 3, der durch die menschliche Sprache geschaffen wird, ein Produkt unseres Bewußtseins, unseres Geistes ist. Sie ist, wie die menschliche Sprache, unsere Erfindung. [...] Wie alles Erfundene erzeugt sie ihre von uns abhängigen, autonomen Probleme.“
Wissenschaftliche Probleme können also rein wissenschaftliche Probleme sein oder aber aus Problemen der Lebenswelt entstehen. Wissenschaft aber hat ihren Ursprung immer in der Lebenswelt, sie wird vom Menschen geschaffen. Das ist wichtig, da Popper Wissenschaft keinesfalls als getrennt vom normalen menschlichen Wissen hält. Wissenschaft ist nur die präzisere Methode, um Probleme zu lösen. So ist Wissenschaft bedingt durch die Werte der an ihrer Wissenschaftler. Durch die kritische Methode allerdings hängt der wissenschaftliche Erfolg nicht vom einzelnen Wissenschaftler ab. Durch die Kritik anderer Wissenschaftler wird die Theorie etwas Objektives, wobei ich später noch erklären werde, was Popper unter Objektivität versteht. Die Wissenschaft ist somit der Versuch, aus der sokratischen Erkenntnis weitere Erkenntnis zu gewinnen. Wissenschaft ist die Umsetzung der Idee von der Annäherung an die Wahrheit. Ich halte somit die Kritik Adornos keinesfalls für stimmig, die Popper vorwirft, eine Wissenschaftsvorstellung zu haben, die abgetrennt von der Lebenswelt ist. Wissenschaft bei Popper hat ihren Anfang in der Lebenswelt und wird immer wieder von ihr beeinflusst, durch die Wissenschaftler, die vor allem Menschen der Lebenswelt sind. Was sie allerdings vereint und sie zu Wissenschaftlern macht, ist ihre Wahrheitsliebe, der Wille sich der Wahrheit anzunähern. Der Mensch bringt die Konstruktion der Annäherung an die Wahrheit in die Wissenschaft und konstruiert sie dadurch. Aus diesem Konstrukt Wissenschaft können allerdings auch Probleme entstehen, die lebensweltlich uninteressant sind. Deshalb kann es scheinen, dass die Wissenschaft außerhalb der Lebenswelt stehe. Doch Lebenswelt und Wissenschaft bedingen sich gegenseitig und Popper trennt die beiden nicht, weil sie vollkommen verschieden Bereiche darstellen. Er trennt, weil wissenschaftliche Probleme nicht immer lebensweltliche Probleme sein müssen und umgekehrt müssen nicht alle lebensweltlichen Probleme auch wissenschaftliche Probleme sein. Wissenschaft bei Popper ist der methodische Weg, um Wissen im oben beschriebenen Sinne zu erlangen. Lebensweltlich kann auch Wissen gesammelt werden und Popper geht davon aus, dass dieses Wissen auch durch die intuitive Anwendung der kritischen Methode erlangt wird. Dennoch muss lebensweltliches Wissen nicht der Idee der Annäherung an die Wahrheit folgen. Wissenschaft muss dieses Ideal verfolgen, in einem strengeren Sinne. Sie ist damit ebenso ein Ideal, wie die Wahrheit, der sie zustreben soll. Sie wird betrieben von Wissenschaftlern, die durch die kritische Methode sich dem Ideal der Wahrheit, wie dem der Wissenschaft, anzunähern versuchen. Wissenschaftskonzeption ist somit auch einem Wandel und der Kritik unterzogen. Sie ist keine starre Institution, sondern muss sich neuen Erkenntnissen anpassen.
In Poppers Wissenschaftstheorie ist die Wissenschaft also das Konstrukt, dass das Mittel darstellt, um sich dem Ideal der Wahrheit anzunähern. Deshalb nenne ich Poppers Theorie auch eine Wissenschaftstheorie und keine Erkenntnistheorie. Poppers Methode ist nicht darauf ausgerichtet metaphysische Wahrheiten zu entdecken, oder eine erste Grundlage der Welt auszumachen. Sie ist auf wissenschaftlichen Fortschritt ausgerichtet und ihre Grundlage ist die Wissenschaft. In der Theorie sind sicherlich erkenntnistheoretische Positionen und Anfänge zu finden, wie den Versuch das Problemlösen evolutionär zu beschreiben. Aber diese Positionen werde ich in meiner Kritik behandeln. Entscheidend ist, dass Popper versucht, die sokratische Grundlage auf eine Wissenschaftstheorie zu übertragen. Diese beinhaltet die kritische Methode und macht sie zum Prüfstein aller Theorien, die Wissenschaftstheorie Poppers eingeschlossen. Das Verhältnis zwischen dem von ihm angenommenen Wissen und Unwissen zu untersuchen, wäre eine Aufgabe der Erkenntnistheorie. Doch Popper will nicht dieses Problem lösen, sondern eine Möglichkeit schaffen, wissenschaftlichen Fortschritt zu überprüfen, und somit auch die Wissenschaft überprüfen zu können. Denn diese ist auch ein Konstrukt der Menschen und somit eine Theorie.
„Es ist eine grundlegende wichtige Aufgabe und vielleicht sogar ein entscheidender Prüfstein einer jeden Erkenntnistheorie, daß sie unseren beiden ersten Thesen gerecht wird, und die Beziehung aufklärt zwischen unserem erstaunlichen und dauernd zunehmendem Wissen und unserer dauernd zunehmenden Einsicht, das wir eigentlich nichts wissen.“
So beschreibt Popper die Aufgabe der Erkenntnistheorie. Er lässt zwar eine Erklärung seiner Meinung dazu folgen, macht aber sie nicht zur Grundlage seiner Wissenschaftstheorie. Alle Erkenntnis müsse mit Problemen beginnen, so überhaupt Erkenntnis irgendwo beginne. Aber diese erkenntnistheoretische Erklärung ist nicht wichtig für die kritische Theorie Poppers. Auch wenn die Erfahrung, oder gegebene Idee der Ursprung von Erfahrung wären müssten wir sie kritisch prüfen. Es ist Poppers erkenntnistheoretische Meinung, die aber nicht in zwingender Verbindung mit der Argumentation für die kritische Methode steht. An die Stellen der Argumentation, die auf das Problemlösen eingehen, könnte man ohne die Argumentation zu verfälschen auch Erfahrung oder kognitive Reize einsetzen. Das wäre zwar nicht mehr Poppers Meinung, aber die kritische Methode würde dadurch argumentativ nicht schwächer. Denn sie basiert auf das Verhältnis von Wissen und Unwissen, das wir nicht durchbrechen können. Dabei ist es egal, ob dieses Wissen und Unwissen durch reine Erfahrung, angeborene Ideen oder rein kognitive Gehirnvorgänge verursacht werden.
Dieser Artikel ist der vierte Teild er Hausarbeit “Karl R. Poppers kritische Methode“.