Die Herrenmoral bei Nietzsche
In dieser Form der Moral gibt es kein „gut“ und „schlecht“. Vielmehr steht sich das Begriffspaar „vornehm“ und „verächtlich“ gegenüber.5 Der gute Mensch ist in dieser Moralform der vornehme Mensch, der Edelmann, der Aristrokrat, der Adelige. Zudem sind moralische Wertbezeichnungen nicht auf Handlungen, sondern auf Menschen bezogen.6 Menschen sind gut, nicht weil sie Gutes tun, sondern weil sie vornehm sind:
„Die vornehme Art Mensch fühlt s i c h als werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich gutheissen zu lassen, sie ,urtheilt was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich’, sie weiss sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist w e r t h e s c h a f f e n d.“7
Nietzsche macht also in den historisch überlieferten Moralen einen Typus aus, der nicht danach wertet ob Handlungen gut sind, sondern nur nach dem Nutzen für denjenigen, der dieser Moral angehört. Wichtig dabei noch zu beachten ist der Unterschied zum Utilitarismus, der den Nutzen der größten Masse zum Ziel hat. In der Herrenmoral sei Moral nur für den Vornehmen und habe nur für ihn und gegen Gleichmächtige Gültigkeit. Nietzsche sagt an anderer Stelle, dass „das Wort ,Gut’ sich von vornherein durchaus n i c h t nothwendig an ,unegoistische’ Handlungen anknüpft“8. Es kann also eine Handlung durchaus moralisch sein, weil ein vornehmer Mensch sie ausführt, nicht weil die Handlung gut ist. Das ist der große Gegensatz zu Kants Moraltheorie. Nach Nietzsche werden solche Moralen nur deshalb nicht als Moralen angesehen, weil eben aus der heutigen Sicht der Moral diese Werte nicht moralisch sind. Das heißt aber nicht, dass diese keine Moralen sind.
Die Herrenmoral ist eine Moral, die nur unter gleich Mächtigen gilt, eine Moral, in der „man nur gegen Seinesgleichen Pflichten habe“9. Macht ist ein wichtiges Kriterium dieser Moral, ohne kann man ihr nicht angehören. Macht bedeutet aber nicht nur, sie gegen andere richten zu können, sondern auch über sich selbst Macht zu haben.
Dieser Artikel ist Teil der Hausarbeit “Das Verhältnis von „Sein“ und „Sollen“ in Friedrich Nietzsches genealogischer Kritik”